Die Geschichte des Films
Weltweit
gesehen lässt sich die Geschichte des Films in sechs Zeitabschnitte einteilen.
(vlg. Gregor/Patalas 1973: 11) Die erste
begann zirka um 1900 mit der Erfindung der Filmkamera und endete mit dem ersten
Weltkrieg und der Entstehung der Stummfilmindustrie 1919, die bereits zehn
Jahre später mit dem Tonfilm eine neue Dimension erreichte, aus der sich
schließlich die nationalen Unterschiede ergaben. Die vierte Periode setzte 1939
zeitgleich mit dem zweiten Weltkrieg ein. Während dieser Zeit war Europas
Filmevolution fast vollständig von Amerika abgetrennt. Hinzu kamen dramatische
Einschnitte, verursacht durch die politischen Wirren, deren Auswirkungen bis
weit in die Nachkriegszeit (gerade in der jungen Bundesrepublik Deutschland) zu
spüren waren. Ab 1960 begann sich der Film in seiner sechsten Entwicklung von
der Historie zu trennen, und eine neue Generation von Filmemachern trat in den
Vordergrund.
Der
erste Teil dieses Abschnitts befasst sich vornehmlich mit der Geschichte des
deutschen Films und den wichtigsten Aspekten der gesamteuropäischen
Produktionen, vor allem aus dem Blickwinkel der kulturhistorischen Betrachtung.
1. Der deutsche
und europäische Film
Die
Geburtsstunde des Films fand am 28. Dezember 1895 mit der ersten Filmvorführung
vor Publikum statt. Damals präsentieren die französischen Gebrüder Lumière im
„Grand Café“ in Paris ihre neuste Erfindung: den Kinematographen. Zwar gab es
schon einige Jahre zuvor kurze Filmstreifen, die jedoch nicht auf die Art und
Weise hergestellt wurden, wie sie die klassische Filmkamera definiert.
Der
erste Weltkrieg versetzte die europäische Produktion jedoch einen wahren
Winterschlaf, der es den Amerikanern ermöglichte, ihre Filmindustrie konkurrenzlos
auszubauen. Ausschließlich Dänemark konnte sich als europäisches Land diese
Situation ebenfalls zu Nutze machen. Zwar kam auch der russische Film zum Zuge,
allerdings nur im eigenen Land. Hinzu kam, dass er zunächst von der
zaristischen, dann nach der Oktoberrevolution auch von der sowjetischen
Regierung stets unter staatlicher Kontrolle stand. Für das an einem Mangel an
Inspiration leidende Ergebnis konnten sich weder die europäischen noch die
russischen Zuschauer begeistern. Letztere verehrten daher zumeist die
Schauspieler (darunter auch Asta Nielsen) - dies allerdings in einer derart
glorifizierenden Art und Weise, die den Europäern bis dahin fremd war.
In dieser Krise schlossen sich unter Erich
Ludendorff die wichtigsten deutschen Unternehmen zur berühmten Ufa (Universum
Film AG) zusammen, die am 18. Dezember 1917 mit einem Grundkapital von 25
Millionen Mark ins Berliner Handelsregister eingetragen wurde und dem Film
somit auch einen ökonomischen Stellenwert verlieh. Gegen Ende des Krieges gingen
die größten Besitzanteile an die Deutsche Bank. Mit der einsetzenden Inflation
konnten Deutschland, Italien und Frankreich Filme zu konkurrenzlosen Preisen
herstellen. Vor allem Deutschland wurde in den ersten beiden Nachkriegsjahren
lediglich von Hollywood übertroffen. Während dieses Kinobooms beschäftigte die
Ufa 1919 bereits 2500 Menschen und besaß elf große Lichtspielhäuser mit je 1500
Plätzen.
In
dieser Zeit konnte sich der Film zudem als Kunstform etablieren. Die günstigen
Produktionskosten erlaubten fast jedes künstlerische Experiment, zumal man auf
einen Treffer hoffte, der die Leute trotz der äußerst schwachen Kaufkraft ins
Kino brachte. Begriffe wie „Expressionismus“, „Impressionismus“ und
„Avantgarde“ machten die Runde, die ihre Motive in Kompositionen aus Licht und
Schatten stellten und die Bewegung als Rhythmus betrachteten. In Paris
entstanden die ersten spezialisierten Filmtheater, in denen sich die
intellektuelle Elite zum Anschauen und anschließendem Diskutieren traf. Und
1918 befreite der Franzose Abel Gance die Kamera endlich von ihrer starren
Position. Doch mit zum Teil zwölf Stunden Länge (16km Zelluloid) waren seine
Werke kaum für die breite Masse geeignet und wurden daher drastisch
zusammengeschnitten.
In
den Stummfilmjahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde aber auch die Trennung
zwischen Kunst und Kommerz offenbart. Gerade die französischen Surrealisten
trafen mit ihren paradoxen Wirklichkeitscharakteren und abstrakten Motiven selten den allgemeinen Geschmack*2. Nach der
Vorstellung von „L’Age d’or“ (Das Goldene Zeitalter) 1930 zerstörten
faschistische Jugendliche die Einrichtung des Theaters und spritzten Tinte auf
die Leinwand. Die gezeigten Visionen von freier Liebe und die Kritik an der
Kirche führten schließlich zu Vorführverboten. Während der
nationalsozialistischen Regierung ging Fritz Lang in die Emigration und konnte
nicht verhindern, dass das Regime seine Filme für sich in Beschlag nahm. Gerade
die Mystik in „Die Nibelungen“ und die Gigantomanie aus „Metropolis“ konnten
leider als perfekte Abbildungen der nazistischen Weltanschauung herhalten.
In
den 30er Jahren verdrängte der Ton- den Stummfilm innerhalb kürzester Zeit.
Viele Stummfilme wurden damals einfach vernichtet, da man sie als altmodisch
empfand. Vor allem von den zahlreichen Trivialfilmen fürs Massenpublikum zeugen
nur noch schriftliche Dokumente, wie zum Beispiel Filmkritiken oder
Zensurkarten. (vgl. Jacobsen/Kaes/Prinzler 1993: 46) Doch erst als in Hollywood
ausschließlich mit Ton gedreht wurde, zogen auch die deutschen Regisseure 1931
nach. Zusammen mit der Weltwirtschaftskrise ging es auch mit der Filmindustrie
bergab, obwohl durch die Linguistik im Film nationale Produkte gefördert
wurden, da Synchronisation kaum betrieben
wurde. Viele Menschen konnten sich jedoch einen Kinobesuch schlichtweg nicht
mehr leisten. Trotzdem wurde auch in dieser Zeit die künstlerische Methodik des
Film weiterentwickelt.
Bereits
1930 gründete die NSDAP eine eigene Filmabteilung. Nachdem Hitler endgültig die
Macht im Staate übernommen hatte, erlaubte es die Krise der Filmwirtschaft,
diese nach eigenen Vorstellungen zu sanieren. Nichtarische Filmemacher wurden
mit Arbeitsverboten belegt, und 1934 kam die Zensurbehörde unter parteiliche
Verwaltung. Dabei verfolgten die Nazis zunächst eine indirekte Art der
Bevölkerungsbeeinflussung: Regimekritische Arbeiten wurden konsequent verboten.
So blieben lediglich die harmlosen Lustspiele übrig, die unfreiwillig die
Devise „Kraft durch Freude“ erfüllten.
In
diese Rolle ist wohl auch zum Teil die Dokumentarfilmerin Leni Riefenstahl
einzuordnen, die mit ihren Bergfilmen ein außerordentliches Auge fürs naive
Schöne bewies – ein Talent, dass sich auch Hitler als persönlicher Freund zu
Nutze machte. Besonders in den beiden Olympia-Filmen „Fest der Völker“ und
„Fest der Schönheit“ erscheint die Person des Führers als mystische
Galionsfigur der deutschen Leitkultur*3. Zwar kann man Riefenstahl eher weniger
eine radikale Verfechterin des Nationalsozialismus' nennen, ihr wohl aber
gnadenlose Naivität gegenüber der hitlerschen Weltanschauung nachsagen. Mit
Kriegsbeginn lehnte sie alle weiteren Aufträge ab und besann sich auf ihre
ursprünglichen Motive. (vgl. Gregor/Patalas 1973: 154-155).
Ab
1939 drängten sich dann Kriegsrevuen und Heldenfilme in den Vordergrund, die
nun absichtlich von der NS-Regierung in Auftrag gegeben wurden und nichts
weiter bewirken sollten, als den Kampf fürs Vaterland als einzig wahren
Lebenssinn der hiesigen Einwohner zu erklären.
In
Deutschland setzte mit der Nachkriegszeit der rasante Abstieg der Filmindustrie
ein. Die alte Ufa wurde durch die Alliierten zerschlagen, worauf sich die
finanzschwachen Folgeunternehmen nicht gegen Hollywoods enormen Aufwand zu
behaupten vermochten. Selbst künstlerische Experimente kamen auf diesem Markt gänzlich
zum erliegen. Hinzu kam, dass der deutsche Film scheinbar an einer Art
Krankheit zu leiden begann: Die Aufarbeitung des Krieges, die in recht
fragwürdigen Streifen versucht wurde. Es handelte sich dabei eher um Alibis
fürs Volk, in denen von Einzelpersonen erzählt wurde, häufig Hochrangige
Militärs, die alleine gegen das Nazi-Regime opponierten, aber letztlich doch
scheiterten. Andere Filme verurteilten zwar der Krieg an sich, nicht aber den
nazistischen Angriff. Wenn Kritik, dann betraf sie nur die Obrigkeit, indem
moralische Fehltritte der Industriebosse thematisiert wurden, wie zum Beispiel
in „Das Mädchen Rosemarie“ (1958).
Während
der ostdeutsche Film unter der Kontrolle des Staates litt, konnten sich auch
die westdeutschen Filmemacher in den 70ern nicht gegen Hollywood durchsetzen.
Selbst die Einrichtung einer Filmförderung half nicht. Die einzigen
Besonderheiten während dieser Zeit waren wohl die Aufklärungsfilme von Oswald
Kolle.
In
den 80ern galt es dann schon als Erfolg, wenn ein deutscher Film 150.000
Zuschauer erreichte. Die wenigen Filmemacher, denen dies gelang, nutzten ihre
Chance, um nach Hollywood auszuwandern. Zu den bekanntesten gehören Wolfgang
Peterson („Das Boot“) und Bernd Eichinger („Der Name der Rose“), die als
Europäer in Amerika eine ganz eigene Stilrichtung*6 darstellen. Ansonsten
konnten lediglich die Streifen von Komikern wie Otto oder Dieter Hallervorden
nennenswerte Treffer landen, riefen damit aber zugleich jene Kritiker auf den
Plan, die eine Trennung der Filmwelt in „McDonalds-Streifen“ und dem
„Suhrkamp-Kino“ betrauerten und gleichzeitig mit einer Panikmache gegen die
kulturelle Postmoderne begannen. (vgl. Jacobsen/Kaes/Prinzler 1993: 290-295).
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